Das Finanzdorf

Die Geschichte, von der hier im folgenden die Rede sein wird, mag außergewöhnlich erscheinen. Und sie ist es auch.

Sie handelt von jener Welt, die man heute gemeinhin "den Finanzplaneten" nennt. Man kann sie auch als "Global Village" bezeichnen, oder besser noch als "das Finanzdorf". In diesem Universum, das sich Außenstehenden als undurchdringlich darstellt, breiten sich Informationen in Echtzeit aus. Die Sprache ist kodiert. Der Uneingeweihte ist von der Kommunikation ausgeschlossen. Die Regeln sind nur selten schriftlich fixiert und eigentlich nicht allgemeinverständlich formulierbar.

Viele Menschen, die außerhalb dieses Mikrokosmos leben, tun so, als ob all diese Geschichten, die von Spekulationen, Fusionen oder Finanztransaktionen handeln und die blitzschnell über die Bühne gehen, nicht den geringsten Einfluß auf unser Leben hätten. Man weiß, daß Bankiers oder Broker kaufen und verkaufen, Anweisungen ausführen und sich von Zeit zu Zeit mit der Verlautbarung an die Außenwelt wenden, alles sei zum Besten bestellt. Sie haben ihre eigene Presse, ihre eigenen Fernsehsendungen, ihre Fachliteratur, ihre Börsenindizes. Und sie umgeben sich mit ihren eigenen Mythen.

Zu Beginn wird uns ein Mann aus dem luxemburgischen Serail als Führer dienen...

Meine erste Begegnung mit Ernst Backes liegt nun schon vier Jahre zurück. Sie fand in einem kleinen Büro statt, das dem luxemburgischen Fleischerverband gehörte. Er hatte seinen alten Ford Scorpio auf dem Parkplatz abgestellt. "Sieh mal an, dieser Kerl fährt einen Ford Scorpio !" war einer meiner ersten Gedanken. Der Wagen hatte 300.000 Kilometer auf dem Tacho. "Sieh mal an, der Scorpio ist ja unverwüstlich !" war der zweite Gedanke, der mir an jenem Tag in den Sinn kam. Darüber hinaus erinnere ich mich daran, daß dieser Mann mir damals schon ein Rätsel war. Und auch ein Ärgernis. Ungläubig und fassungslos hörte ich mir seine nicht enden wollenden Geschichten an. Er redete wie ein Buch und trank dabei ein Glas Rosport nach dem anderen, jenes luxemburgische Mineralwasser. "Bei ihm darf man alles nicht so ernst nehmen", sagte ich mir. Das war ein Irrtum. Durch all das, was ich seitdem begriffen habe, hat sich ein Abgrund unter mir aufgetan. Wir werden nun alle sehr schnell laufen müssen...

Ernst Backes wurde 1946 in Trier geboren. Trier ist auch die Geburtsstadt von Karl Marx. Das ist nicht das einzige, was die beiden Männer gemeinsam haben. Beide tragen einen Bart, sind korpulent. Und sie sind in der Lage, den Interessen des Kapitalismus gefährlich zu werden. Natürlich ist der eine bekannter und hat auch eine philosophischere Ader als der andere. Doch der wiederum ist noch am Leben. Das ist zumindest für das, was uns interessiert, von Vorteil. Er ist quicklebendig, hellsichtig und hat dazu auch ein außerordentlich gutes Gedächtnis.

All das, was nun folgt, ist die Geschichte dessen, was sich seit dem Beginn der siebziger Jahre im Umkreis eines Bankenverbundes mit weltweiten Niederlassungen abgespielt hat : vor allem in England und in Luxemburg, aber auch in Frankreich, Deutschland, Belgien, Spanien, Italien, den Niederlanden, der Schweiz, den Vereinigten Staaten und zahlreichen Steuerparadiesen. Anfangs belief sich die Zahl dieser Banken, die eng miteinander zusammenarbeiteten, auf knapp einhundert. Heute wird aufgrund der von uns entdeckten Kontolisten klar, daß es sich um über 2.000 Banken handelt. Sie sitzen in über hundert Ländern und benutzen mehr als 15.000 verzeichnete Konten, von denen offiziell eigentlich nur die Hälfte existiert.

Wir werden auf diese Zahlen später zurückkommen. Und auch auf diesen seltsamen Mechanismus, der ihren Kunden die Möglichkeit bietet, bei internationalen Finanztransaktionen niemals selbst in Erscheinung zu treten. Diese Kunden können Bankiers sein, aber auch Manager von Investitionsgesellschaften, Strohmänner an der Spitze von Off-shore-Gesellschaften, Privatkunden, die einen Teil ihres Vermögens an der Steuer vorbeischmuggeln möchten, Angehörige der Polizei oder des Militärs in leitenden Positionen von Geheimdiensten oder aber auch Generaldirektoren multinationaler Konzerne.

Die folgende Geschichte zeigt, daß mit der Unterstützung von Bank- und Finanzdirektoren, von Verwaltern weltweit tätiger Gesellschaften und einflußreichen Politikern ein System zur Verschleierung von Bankgeschäften aufgebaut wurde. Dieses System ist perfekt organisiert, leicht zu benutzen und stets verfügbar.

Die Beweggründe für diese Verschleierungen von internationalen Banktransfers sind vielfältig. Sie reichen vom schlichten Wunsch nach Vertraulichkeit im Rahmen von Wirtschaftsgeschäften über Insiderdelikte, Korruption oder Steuerflucht bis hin zur Geldwäsche. Diese Finanzaktivitäten, die solcherart vor den Augen des Marktes, der Steuer, den Konkurrenten oder den Nachrichtendiensten verborgen werden sollen, können ganz legal oder am Rande der Legalität angesiedelt sein. Sie können auch kriminell sein.

Unsere Anklage richtet sich an die Benutzer, Geschäftsführer und Verwalter dieses internationalen Finanzsystems sowie an die führenden Politiker Luxemburgs, Europas oder auch der USA, die es diesen Kunden ermöglichten, Kapital- und Wertpapiertransfers zu verschleiern. Und die sich manchmal auch selbst dieser Organisation bedienten.

Gäbe es Mittel und Wege, das Ausmaß dieses Betrugs rückwirkend zu schätzen, so ließe er sich mit Hunderten von Milliarden Dollar beziffern. Die Anzahl der Nullen ist letztlich unerheblich. Wichtig ist es, eine Erklärung dafür zu finden, daß ein zunächst gesundes System zur Erleichterung des internationalen Bankzahlungsverkehrs zweckentfremdet wurde.

Die Leidtragenden dieses Systems sind zunächst die Staaten, die auf bestimmte verdeckte, grenzüberschreitende Finanzoperationen keine Steuer erheben konnten. Es sind Millionen von Aktionären und Sparern, die bewußt in Unkenntnis über diese Praktiken gehalten werden, aber auch die Steuerzahler, die letztlich allein die Zeche zahlen. Der Skandal ist unserer Ansicht nach grenzenlos. Seine Ursachen sind genau auszumachen. Eine der Organisationen, die wir beschuldigen, diese Praktiken gedeckt und erleichtert zu haben, hat ihren Sitz und ihre Hauptgebäude in der Stadt Luxemburg.

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß einer jener Männer, die dieses System entwickelten, 1983 in Korsika unter merkwürdigen Umständen ums Leben kam. Er hieß Gérard Soisson.

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß ein anderer jener Männer, die dieses System entwickelten, Ernst Backes ist. Und daß er achtzehn Jahre lang schwieg, zweifellos mit dem Wunsch, eines Tages die nun folgenden Dinge veröffentlicht zu sehen.

Nur zwei internationale Abrechnungsgesellschaften wickeln den Großteil der grenzüberschreitenden Transaktionen des "Finanzplaneten" ab.

In Luxemburg, diesem kleinen, anständigen und beschaulichen Land im Herzen Europas, sind 217 Banken eingetragen. Luxemburg mit seiner legendären Diskretion. Luxemburg mit seinem Königshaus und seinen Politikern mit europäischer Zukunft. Luxemburg, das seit 1945 fest auf die treue Unterstützung von Uncle Sam bauen kann. Luxemburg, das unter den Unmengen an Dollar, Euro, Franc, Yen, Mark und Gulden fast zusammenbricht ! Luxemburg mit seinen 430.000 Einwohnern, wo im Jahr 1999 554 Milliarden Dollar an der Börse bewegt wurden : viermal mehr als auf den Bahamas, fünfzigmal mehr als auf den Normannischen Inseln, fünfundzwanzigmal mehr als auf den Kaimaninseln, sechsmal mehr als auf den Bermudas, doppelt soviel wie in Singapur, mehr als in Hongkong ! Die meisten Luxemburger wissen von den Dingen, die wir in diesem Buch aufdecken, überhaupt nichts. Daß sie nichts wissen, muß nicht unbedingt heißen, daß sie völlig ahnungslos sind. Man kann eben auch die Einzelheiten nicht genau kennen.

Die Finanzorganisation, die wir anklagen, hat einen Namen : Clearstream. Diese Bezeichnung ist ziemlich neu. Das Namenschildchen wurde im September 1999 geändert. Vorher hieß Clearstrean noch CEDEL, "Centrale de livraison de valeurs mobilières", also "Zentrale Ausgabestelle für Wertpapiere". Die CEDEL wurde am 28. September 1970 in Luxemburg als eine der beiden internationalen Girozentralen gegründet. Die andere heißt Euroclear und hat ihren Sitz in Brüssel.

Man denkt und sagt gemeinhin, Geld – und vor allem das virtuelle Geld, das der Bankcomputer – habe kein Gedächtnis und eile mit Lichtgeschwindigkeit von einem Konto und von einem Steuerparadies zum anderen, ohne dabei Spuren zu hinterlassen.

Das ist falsch.

Ein Großteil des Gedächtnisses des Geldes und der Erinnerung an seine unaufhörlichen Bewegungen ist in der Buchhaltung dieser Girozentralen schriftlich fixiert. In sehr speziellen Archiven von Abrechnungs-Gesellschaften, die man auch Clearing-Gesellschaften nennt. Das ganze Problem liegt natürlich darin, in der Lage zu sein, diese Buchhaltung zu lesen und diese Spuren zu deuten.

Wir bewegen uns in einem völlig abstrakten Raum. Es gibt schon seit langem kein Geld mehr.

Zurück zu Ernst. Ich beendete gerade – nach immerhin zwölf Jahren – meine Mitarbeit bei der französischen Zeitung Libération. Ich hatte ein Buch geschrieben, in dem ich meine Reise in die Welt der Polit- und Finanzaffären geschildert hatte. Ein solches Werk löst bei seinem Erscheinen zwangsläufig eine Flut von Reaktionen aus. Opfer des Justizsystems und Geistesgestörte, die in ihrem Verfolgungswahn ständig Komplotte wittern, wandten sich an mich. Unter anderem nahm ein junger Luxemburger Kontakt zu mir auf. Es handelte sich dabei um Marco Mart, den Sohn des liberalen Abgeordneten René Mart, den Neffen des ehemaligen Wirtschaftsministers Marcel Mart und den Cousin von Caroline Mart, der Nachrichtensprecherin beim Fernsehsender RTL. Marco Mart war von einer der größten Banken Luxemburgs, der Banque internationale à Luxembourg (BIL), betrogen worden. Er hatte einen juristischen Kampf aufgenommen, den er bis heute noch führt. Seine Anwälte hatten ihn verraten, die Staatsanwaltschaft von Luxemburg im Stich gelassen und seine Familie seit dem Tod seines Vaters mit ihm gebrochen. Bei seinen Nachforschungen half ihm ein mysteriöser Ratgeber, dessen Identität er mir nicht verraten wollte. Dieses Schweigen entfachte meine Neugier. Der Mann wollte unerkannt bleiben. Auf alle meine Fragen, die sich auf ihn bezogen, bekam ich bis zum "Genfer Aufruf" (Appel de Genève) keine Antwort. Diese Initiative nahm zum ersten Mal auf politischer Ebene den heuchlerischen Umgang mit Steuerparadiesen ins Visier. Das gefiel Ernst Backes offenbar. In seinem ersten Brief verglich er mich mit Don Quichotte und erbot sich, mein Sancho Pansa zu werden. "Ich weiß, daß es sich um Windmühlen handelt, und ich werde es beweisen", schrieb er. Er wollte damit sagen, daß unser Kampf sicherlich aussichtslos war, aber daß es sich lohnte, ihn zu führen.

Wir begannen, uns zu schreiben, schickten uns Zeitungsausschnitte und Dokumente. Er war mit aufwendigen und langwierigen Ermittlungen beschäftigt. Sie wurden im allgemeinen von Polizeibeamten, Steuerbehörden oder Richtern und Staatsanwälten aus den Grenzländern zu Luxemburg durchgeführt, die Informationen suchten und denen seine Kenntnisse des Bankmilieus von Nutzen waren. Um eine Filmreportage zu drehen, nahm ich erneut Kontakt zu Marco Mart auf, der mir schließlich seinen mysteriösen Ratgeber vorstellte.

Ernst Backes hatte sich zwar ausführlich geäußert, sich jedoch geweigert, gefilmt zu werden. Schließlich hatte er nach einigem Nachdenken doch noch eingewilligt, mit unverhülltem Gesicht aufgenommen zu werden. Das war ein erster Schritt zu seinem öffentlichen Selbstbekenntnis.

Ernst war der Verwalter einer luxemburgischen Fleischergenossenschaft. Diese Arbeit – und dies habe ich erst später begriffen – war ein Mittel, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, diente gleichzeitig aber auch als Tarnung. Für jemanden, der einst maßgeblich das Konzept für eines der beiden weltweiten Systeme für den grenzüberschreitenden Abrechnungsverkehr entwickelt hatte, mußte dieser Abstieg hart sein. Ernst ließ sich nichts anmerken. Der heruntergekommene Scorpio stand als letztes Überbleibsel aus jener Zeit, als er noch in der Bankbranche arbeitete, unten vor dem Haus. Sein Besitzer verwandte viel Zeit und Energie darauf, mir all das zu erklären, was ich damals erst in groben Zügen erahnte. Er lieferte mir nach und nach die Teile eines beunruhigenden Puzzles, das ich selbst zusammensetzen mußte und dessen Umrisse ich noch nicht erkennen konnte.

Ich fand ihn interessant, aber wirr, originell, aber übervorsichtig, ausführlich in seinen Erklärungen, doch kühl bei der Wiedergabe der Fakten und sehr barsch, wenn man die Richtigkeit seiner Analysen in Zweifel zog. Auch wenn er in seinen Äußerungen oft einen sehr heftigen Ton anschlug, so konnte man doch spüren, daß er seinem Land auf sehr zwiespältige Weise verbunden ist.

Obwohl er bereit war, gegen die Machenschaften zahlreicher kompromittierter führender Persönlichkeiten anzugehen, hatte er Bedenken, mit zu großen Pflastersteinen zu werfen. Er hatte Angst davor, dies könne ihm falsch ausgelegt werden. Und auch davor, ein großer Skandal könne zuviel Schaden anrichten.

In Luxemburg ist Schweigen eine Tugend. Das höfliche Lächeln ebenfalls.

In Luxemburg standen die regierenden Parteien seit der unmittelbaren Nachkriegszeit – von den Christsozialen über die Sozialisten bis hin zu den Liberalen – stets in engem Kontakt zu den Banken. Ihre Vertreter sitzen in zahlreichen Aufsichtsräten.

In Luxemburg sind die Richter diskret. Sehr diskret. Und Steuerfahnder gibt es nur wenige. Nur sehr wenige.

In Luxemburg sind Bankiers Freunde, die man vor denjenigen schützen möchte, die zu viele Fragen stellen. Und die katholische Kirche wacht über diese kleine ruhige und florierende Welt.

Von Beginn unserer brieflichen Beziehung an fiel mir ein besonderer Charakterzug an Ernst Backes auf, und dieser Eindruck sollte sich bestätigen, je weiter wir bei unserer gemeinsamen Arbeit vorankamen : Seine Gedanken verzweigen sich fortlaufend. Aus einer Idee entspringt immer wieder eine neue, die plötzlich wichtiger ist. Seine Erzählungen sind ineinander verschachtelt. Ein Tag mit ihm ist anstrengend. Wenn man am Abend nach Hause kommt, muß man erst einmal all die russischen Puppen geduldig wieder ineinanderstecken.

Ich habe mir oft gesagt, ich hätte die ganze Sache fallen lassen sollen. Ernst hatte lange über das Clearing gesprochen. Damals hörte ich diesen Ausdruck zum ersten Mal. Es gibt dafür keine direkte Entsprechung in der deutschen Sprache.

Man kann von Reinigen sprechen oder von Glätten und Aufpolieren. Ein Verfahren, um etwas zu säubern, was gar nicht sauber ist ? Das ist sicherlich richtig, stellt aber eine unzulässige Reduzierung des Begriffs dar. Letztlich ist doch der Begriff der Abwicklung, besser noch der Abrechnung vorzuziehen, auch wenn dies keine wörtliche Übersetzung ist. Ernst sagte dazu : "Heute laufen die großen internationalen Transfers zwischen den Bankanstalten nicht mehr von Bank zu Bank. Es gibt keine materiell greifbare Übermittlung von Werten und Vermögen und auch kein Bargeld mehr. Alles spielt sich auf der Grundlage von faxmoney, also virtuellem Geld, ab."

Das sind die grundlegenden Fakten. Das Geld existiert nicht mehr. Genauer gesagt gibt es zwar noch die Vorstellung von Geld, doch dieses Geld existiert nicht mehr in der gleichen Weise. Dieser Begriff (Geld) deckt nicht mehr das ab, was er vor der Erfindung des Speicherchips und des Clearings abdeckte. Alle Transfers zwischen den Akteuren am Finanzmarkt – Verkäufer, Käufer, Bankiers – laufen künftig mittels eines elektronischen Systems ab, das – so hatte Ernst es uns gegenüber in dem Film formuliert – "auf dem gegenseitigen Vertrauen aller Beteiligten" beruht.

Man kann also sagen, daß das Geld entmaterialisiert ist. Das Problem all jener, die Reichtümer besitzen, ist es, diese anzulegen, sie in Wertpapiere zu überführen : in unterschiedliche Investmentfondsanteile, in Aktien, in Obligationen ! Diese Wertpapiere existieren immer seltener als tatsächliche "Papiere". Millionen von Wertpapieren, die immer virtueller werden, d. h., daß sie eigentlich nicht mehr als reale, greifbare "Papiere" existieren, werden täglich dank der Clearing-Gesellschaften ausgetauscht.

Wie wird der Tausch aufgezeichnet ? Wer garantiert die Zahlungsfähigkeit der Beteiligten ? Wo sind die Verkaufsbelege ? Selbst wenn das Geld oder die Wertpapiere alle Grenzen überspringen, müssen sie doch stets Spuren hinterlassen. Von dieser Ahnung ließ ich mich leiten.

Ab diesem Zeitpunkt ist mir dank der Erklärungen von Ernst sehr schnell die Logik der Clearing-Systeme klargeworden. Die Spuren der Tauschgeschäfte sichern, aber zugleich Geld verdienen, so schnell wie möglich und so weit wie möglich außerhalb der Sichtweite der anderen ! Und sobald dieses Geld verdient war, es anlegen, und dies erneut so schnell wie möglich und so weit wie möglich außerhalb der Sichtweite der anderen !

Mit unglaublicher Besessenheit verfolgen die Verwalter des Finanzplaneten zwei Hauptziele : die Geschwindigkeit des Austausches immer noch weiter zu steigern und gleichzeitig dafür zu sorgen, daß es zu keinerlei Indiskretionen im Hinblick auf dessen Natur und dessen Höhe kommt. Diesem Ansinnen steht jedoch ein vitales Bedürfnis entgegen : an einem sicheren und möglichst unzugänglichen Ort einen Beleg für diesen Austausch zu bewahren.

Um sich eine Vorstellung von den Beträgen zu machen, die dabei auf dem Spiel stehen, muß man wissen, daß für die momentanen Leiter der Clearing-Gesellschaften die Grundeinheit eine Trillion Dollar bzw. jetzt Euro ist. Wenn man daraufhin große Augen macht, fügen sie zur Erklärung hinzu, das seien "zwölf Nullen". Für das Jahr 2000 etwa gab die Gesellschaft Clearstream an, auf ihren Konten seien zehn Trillionen Euro angelegt. Mit anderen Worten : Jedes Jahr werden Anlagen im Wert von 10.000 Milliarden Euro im System Clearstream verwahrt. Das entspricht ungefähr dem siebenundvierzigfachen des französischen Staatsbudgets ! Für die Konkurrenz Euroclear wird ein Betrag von 7.000 Milliarden Euro angegeben. In beiden Fällen nennen die Clearing-Gesellschaften eine Zahl von rund 150 Millionen Transaktionen, die pro Jahr abgewickelt werden.

Wenn man einmal ausschließlich den Gesamtbetrag der Werte betrachtet, die allein durch ihre jeweiligen Organisationen hindurchfließen, dann sind die Zahlen (für das Jahr 1999) noch aufschlußreicher : Euroclear sprach von rund 45.000 Milliarden Euro an "übertragenem Kapital" in ihrem System, mehr als doppelt soviel wie CEDEL. Unabhängig von diesen Zahlen und dieser Terminologie ist das Wort "Vertrauen" von besonderer Bedeutung. Wie bei jedem anderen finanziellen Austausch müssen sich Käufer und Verkäufer gegenseitig vertrauen. Die Clearing-Gesellschaft ist der Ort dieses Vertrauens zwischen den beiden Parteien, die sich zuweilen nicht einmal kennen.

Die Abstraktion ist total. Da das Geld nicht mehr in der früher üblichen Form existiert, da die gekauften und verkauften Wertpapiere immer seltener aus einem Material hergestellt werden, das man befühlen kann, und da man – bis auf einige wenige Gelegenheiten – seine Gewinne niemals tatsächlich "in die Hand nehmen" kann, möchte man, daß sie zumindest virtuell greifbar sind. Hier kommt es allerdings zu einem Widerspruch. Wie soll man etwas Virtuelles greifen ? An diesem Punkt tritt das Clearing in Aktion. Das Clearing ist eine geniale Erfindung. Clearing umfaßt die Garantie der Zahlungsfähigkeit der Parteien und die Eintragung an einer genau bezeichneten Stelle, in präzisen und konkret sichtbaren Dokumenten, den Nachweis also, daß der Austausch – von Anlagen, Wertpapieren, Aktien, Obligationen, diversen Zertifikaten oder Geld – tatsächlich erfolgte.

Die Bankiers benutzen bei diesen Transaktionen den Begriff der Auflösung. Um den Vorgang des Clearings zu erklären, fügen sie dann ebenso gern noch hinzu, daß sie nach dem Prinzip "Zahlung und Lieferung" verfahren. Ungefähr so wie ein Pizzaservice, mit dem Unterschied, daß die Pizzas durch Besitzanteile und die Motorroller der Ausfahrer durch ein Modem an der Telefonleitung ersetzt wurden.

Die Clearing-Gesellschaften sind die Notare der Neuen Welt. Ganz wie Notare schätzen sie die Diskretion und sogar das Geheimnis. Alles was ihre Praktiken und Strategien angeht, soll möglichst weitgehend den Blicken der anderen entzogen bleiben. Die anderen ? Das sind Sie oder ich. Sie verwenden eine beträchtliche Energie darauf, die Finanzpresse milde zu stimmen. Bei den anderen Journalisten ist das etwas komplizierter, gleichzeitig jedoch einigermaßen einfach, denn bis heute haben sich nur wenige für sie interessiert. Den Anhängern des Clearings sind Fragen (vor allem die einfachsten und grundlegendsten) und diejenigen, die Fragen stellen, ein Greuel.

Ich war überrascht, als ich feststellte, daß die Gesellschaft Euroclear, der einer der schönsten Bürotürme in Brüssel gehört – ein sechzehnstöckiges, gläsernes Gebäude, in dem 1.300 Angestellte arbeiten –, keinen besonderen Hinweis oder gar ein Logo an dessen Fassade angebracht hat. Man findet nicht einmal einen Namen an einer Klingel. Das einzige Zeichen, das deutlich sichtbar auf ihre Anwesenheit hinweist, ist eine Uhr, auf der die Zeit abzulesen ist, die uns noch von der Einführung des Euro trennt. Diese Uhr, auf der das Firmenlogo abgebildet ist, wurde knapp fünfzig Meter vom Gebäude entfernt aufgestellt. Einer der Angestellten von Euroclear erklärte mir, warum diese Firma so sehr auf Anonymität bedacht ist. Man befürchtet Anschläge von Anhängern der Anti-Globalisierungsbewegung. Die Clearing-Gesellschaften betrachten sich als die wichtigsten Instrumente dieser Globalisierung.

Im Gegensatz dazu streicht die luxemburgische Konkurrenzorganisation Clearstream ihren neuen Namen nachdrücklich heraus : Er prangt unübersehbar an der Fassade eines der schönsten Gebäude in einem der schicksten Viertel Luxemburgs. Hier herrscht eine andere Mentalität. Man stellt gerne seinen Reichtum zur Schau. Man hat auch keine Angst vor Demonstrationen. Die letzte ist ja schon eine Ewigkeit her ! Ich dachte zunächst, Clearstream solle so etwas wie "klarer Strom" heißen. Angestellte der Firma bestanden mehrere Male ironisch auf einer leicht abgewandelten Übersetzung. Ihrer Ansicht nach bedeutete Clearstream "ein Fluß, der reinigt".

Ich habe mich erst nach einiger Zeit mit der Vorstellung vertraut machen können, daß ausgerechnet Ernst Backes es mir erlauben würde, einen Blick hinter die spiegelnde Fassade der Börse zu werfen, in das sogenannte back office, also gewissermaßen in die verborgene Chefetage des Finanzdorfes. In der Finanzsprache ist nämlich die Börse der Ort der Auseinandersetzungen (front office), während das Clearing der Ort der obersten Leitung und Verwaltung (back office) ist.

Dieser schwergewichtige Mann, der so leidenschaftlich gern Salat ißt, verliert sich bei seinen Erzählungen in tausend kleinen Details. Doch er besitzt einen Schatz, einen Schlüssel, der ihm Zugang zu den kleinen und großen Geheimnissen von Global Village, diesem Universum aus lauter Zahlen, Ticks und Codes, gewährt, wo es das sichtbarste Zeichen der Macht ist, wenn man vor allen anderen informiert wird. Ernst Backes ist ein luxemburgischer Rentner, der, seinen Unterlagen zufolge, gerne große Summen verschoben hat, etwa im Zusammenhang mit den Geschäften der italienischen Mafia oder den Aktivitäten mysteriöser Geheimgesellschaften wie die Bilderberg Group oder die Trilateral Commission. Unversehens zaubert er aus seinem Hut einen sehr einflußreichen Waffenhändler mit dem Vornamen Henry, den man einfach zu kennen hat. Er stellt mit atemberaubender Geschwindigkeit Verbindungen zwischen Fakten, Menschen und Ereignissen her, die aus unserer Sicht nichts miteinander zu tun haben. Ernst Backes ist kein pädagogisch veranlagter Mensch. Ich würde ihn eher als unkontrollierbar einstufen.

Ernst schöpft seine Kraft aus seinen Überzeugungen und seinen Nachforschungen. An irgendeinem Punkt seines Berufslebens wurde ihm klar, daß er in einer Grauzone der internationalen Finanztransaktionen arbeitete. Er begriff, was dort vor sich ging.

Er sah etwas, was niemand in seinem Umfeld sah. Das muß ein ganz besonderes Gefühl sein. Die Clearing-Gesellschaft ist der Ort, an dem die Transaktionen immer schneller werden und registriert werden. Und wo sie auch verschleiert werden.

Gehen wir einige Jahrzehnte zurück. Wie verfuhr damals ein Versicherungsagent aus Chicago, der einen Teil des Kapitals seiner Gesellschaft an einen griechischen Reeder verkaufen wollte ? Er ging zu seinem Bankier, sagen wir einmal von der Bank of New York, und beauftragte ihn, die Wertpapiere zu verkaufen. Dieser stieg in das Flugzeug nach Athen und traf sich dort mit dem Bankier des Reeders, sagen wir einmal der griechischen Filiale der ABN Amro Bank. Dank des Clearings kann man sich heutzutage zunächst einmal das Reisen sparen, gewinnt dadurch viel Zeit und damit Geld. Von nun an garantiert eine zentrale Organisation, daß der Handel tatsächlich stattgefunden hat. Das Grundprinzip ist einfach : Wir Bankiers aus unterschiedlichen Ländern schließen uns zusammen und schaffen uns einen Ort, an dem der Bankhandel verläßlich registriert und verbürgt wird. Anders als eine Börse, an der unterschiedliche Parteien einer Transaktion zugegen sind, weist die Clearing-Gesellschaft eine scheinbar passive Infrastruktur auf. Die Wertpapiere bleiben immer am selben Ort. Nur der Name des Besitzers ändert sich. Die Clearing-Gesellschaft übernimmt die Aufgabe, die Veränderungen zu registrieren und zu verbürgen.

Heute zählt man fünfzehn nationale Clearing-Organisationen in Europa. Die nationalen Clearing-Gesellschaften sind der normalen Bankklientel weitgehend unbekannt. Ihre Aktivitäten beschränken sich auf die Abwicklung von Kapitalgeschäften innerhalb der Grenzen des jeweiligen Landes. Dagegen gibt es nur zwei Clearing-Gesellschaften, die den grenzüberschreitenden Kapitalverkehr erledigen. Eine von ihnen, Euroclear, hat 1.350 Angestellte, von denen 1.300 in Brüssel und etwa fünfzig in knapp zehn Vertretungen auf der ganzen Welt arbeiten. Die andere, die CEDEL, hat ihren Sitz in Luxemburg und beschäftigt weltweit 1.700 Angestellte, von denen die Hälfte in mehreren Gebäuden arbeitet, die sich zum einen im Zentrum und zum anderen am Stadtrand, auf dem Plateau von Kirchberg, dem "europäischen" Geschäftszentrum Luxemburgs, befinden. Die anderen Niederlassungen der CEDEL sind in London, Tokio, New York, Hongkong, Dubai und Mexiko. Wir können an dieser Stelle versichern, daß der Großteil des internationalen Wertpapierhandels über die CEDEL oder Euroclear abläuft. Diese zwangsläufige Abwicklung über eine der beiden Clearing-Gesellschaften bedeutet, daß alle diese Vorgänge weitgehend zeitgenau registriert werden und in entsprechend verschlüsselten Dokumenten Spuren hinterlassen.

Wir sprechen hier von Wertpapiertransfers. Selbst wenn Euroclear und CEDEL Geld transferieren, so bleibt ihre Spezialität doch der Transfer von sogenannten Effekten, wie sie in der Sprache der Bankiers auch genannt werden. Diese beiden Gesellschaften haben praktisch das Monopol auf den internationalen Handel mit Obligationen. Der Handel mit Obligationen ermöglicht es, Geld zu leihen und zu verleihen, ohne nach außen hin namentlich in Erscheinung zu treten. Nur in internen Bankunterlagen taucht überhaupt der Name auf. Dies ist eines der bevorzugten Mittel der Geldwäscher und der Kunden, die die große Geldgeschäfte abwickelten. CEDEL und Euroclear handeln ebenfalls viel mit Aktien, Investmentfondsanteilen, Goldzertifikaten und Bargeld.

Damals, als wir die Filmreportage machten, erklärte mir Ernst Backes : "Ganz gleich, ob Du Geld auf den Bahamas, in Liechtenstein, in Paris, in Frankfurt oder in Luxemburg einschleust, es wandert im System hin und her. Es kann zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem internationalen Finanzsystem herausgenommen und in die Industrie investiert werden. Die Frage ist nur, wieviel Geld heute aus den großen internationalen Kreisläufen herauskommt und dann auch tatsächlich in die Industrie investiert wird."

Und er fügte hinzu : "Wenn Du heute einen Arbeiterkampf gegen das, was man als das "Großkapital" bezeichnen könnte, organisieren wolltest, wen würdest Du denn dann angreifen ? Vor hundert Jahren, als die ersten Gewerkschaften ins Leben gerufen wurden, konntest Du Dich noch mit Thyssen, Krupp oder den damaligen großen Bossen der französischen Industrie anlegen, denn das waren bekannte Persönlichkeiten. Wenn Du aber heute einen Aufstand gegen das Großkapital anzetteln wolltest, müßtest Du Dich an die Aktionäre oder an die Anteilseigner von Investmentfondsanteilen wenden, die sich in Vanuatu niedergelassen haben !"

Diese Ausführungen weckten in mir den Wunsch, die Mechanismen dieser internationalen Finanzorganisationen besser zu verstehen, durch die das Geld hindurchfließt und scheinbar spurlos verschwindet. Jener Organisationen, die immer wieder Fässer füllen, die offenbar keinen Boden haben : die Banken in den Steuerparadiesen.

Der Madrider Ermittlungsrichter Baltasar Garzón hat den Kampf der Richter gegen die Wirtschaftskriminalität in einem Sinnbild verdeutlicht. Die Staatsanwälte sind wie Mammuts, die mit Leoparden kämpfen. "Wenn das Mammut im Versteck des Leoparden ankommt, ist dieser bereits über alle Berge und wird sich ins Fäustchen lachen."

Ist die Langsamkeit der Richter auf das Fehlen eines gemeinsamen Rechtsraums zurückzuführen, so beruht die Schnelligkeit der Leoparden vor allem auf dem System des Clearings.

Wir werden zeigen, wie durch den widernatürlichen Mißbrauch des Clearing-Systems die Betrugsmöglichkeiten auf internationaler Ebene erheblich erleichtert werden. Wir werden sehen, warum diese Betrügereien fast nicht wahrnehmbar sind. Wir werden die Mechanismen eines Universums sinnfällig und greifbar machen, in dem das Phänomen, das man mittlerweile gemeinhin als "die graue Finanzwelt" bezeichnet, erkennbar wird. Wir werden sehen, daß die öffentlichen Reden und Verlautbarungen weit von der Wirklichkeit des Finanzhandels entfernt sind, was besonders durch die Kontenlisten augenfällig wird, die in unserem Besitz sind.

Zunächst ging ich etwas überstürzt vor. Ich stellte Ernst Backes Richtern und Staatsanwälten vor, die den Genfer Aufruf unterzeichnet hatten, doch der Funke sprang nicht über. Sogar zu Jean de Maillard, der ja doch immerhin als Spezialist in diesen Fragen gilt, gestalteten sich die Beziehungen recht schwierig. Ernst Backes hatte keinerlei Funktion mehr auf dem luxemburgischen Finanzplatz, und seine Erklärungen waren so kompliziert, daß sie bei den Juristen nur ein höfliches Interesse hervorriefen. Im Gegenzug zeigte sich Ernst überrascht darüber, wie wenig diese Richter über die Mechanismen der Finanzwelt Bescheid wußten, obwohl sie doch in den Medien als Koryphäen im Kampf gegen das organisierte Verbrechen präsentiert wurden. Alle hielten nach Mitteln Ausschau, mit denen das organisierte Verbrechen noch effizienter bekämpft werden könnte, doch den meisten von ihnen war der Begriff des Clearings unbekannt !

In dem Moment, in dem ich dieses erste Kapitel abschließe, weiß ich noch nicht, ob dieses Buch erscheinen wird. Seit über einem Jahr stellten sich zahlreiche, unvorhersehbare Hindernisse meinem festen Willen in den Weg, diese Arbeit zu Ende zu führen. Da Ernst als Mitarbeiter für Justizangelegenheiten in einige laufende Verfahren verwickelt war, wollte er nicht gleich sein ganzes Pulver verschießen und gewisse Enthüllungen lieber erst zu einem späteren Zeitpunkt exklusiv vor den Richtern präsentieren. Was bewog ihn dazu, sein Schweigen doch zu brechen ? Die Schwierigkeiten, die er hatte, seiner Botschaft in Justizkreisen Gehör zu verschaffen. Auch meine Beharrlichkeit.

Einer der ersten Vorwürfe, der mir gegenüber erhoben wurde, lautete, ich sei Opfer einer Manipulation geworden. Ernst mißbrauche mich aus zwielichtigen Gründen für seine Ziele und sei ein durch und durch krankhafter Lügner. Ganz zu Beginn unserer Beziehung beschlich mich einmal kurzzeitig dieser Verdacht. Doch aufgrund des Verhaltens, das er mir gegenüber an den Tag legte, und nach der Überprüfung der Beweisstücke, die er mir vorlegte, bin ich vom Gegenteil überzeugt. Ernst hätte es sicherlich vorgezogen, seine Arbeit im Verborgenen fortzusetzen.

Im Verlauf unserer Zusammenarbeit waren wir stets auf äußerste Verschwiegenheit bedacht. Wir telefonierten selten miteinander und waren beim Schreiben unserer Emails vorsichtig. Wir waren übereingekommen, das Buch, an dem wir beide arbeiteten, nach außen hin als einen wirren Schmöker über die Geschichte Luxemburgs hinzustellen. In der Anfangsphase arbeitete ich auf der Grundlage von Rechenschaftsberichten, die aus Gesprächen stammten, die ich aufgenommenen hatte. Die Geschichten, die Ernst erzählt, sind ein wichtiger Bestandteil dieses Buches und werden den roten Faden unserer Beweisführung bilden. Wir trafen uns oft im Laufe der ersten sechs Monate im Jahr 2000. Danach seltener. Ich mußte die einzelnen Teile, die mir Ernst geliefert hatte, mit den Akteuren seiner Geschichten konfrontieren. In der Hauptsache waren dies Bankiers und Techniker des Clearings.

Zwischen uns kam es zu Reibereien und Konflikten. Ernst klagte, ich sei begriffsstutzig. Ich störte mich an seiner zögerlichen Art, wenn es darum ging, jemanden zu beschuldigen, oder wenn er sein Land mit Angriffen verschonen wollte. Ernst behielt seit Jahren alles, was er verstanden hatte, für sich. Dieser Schritt heraus aus dem Dunkeln war manchmal mit Schmerzen verbunden. Ihm wurde immer klarer, welche Reaktionen dieses Buch auslösen würde, das immer deutlichere Formen annahm. Ihm verdanke ich es, daß ich in einem Wechselbad der Gefühle eine unerforschte Welt entdeckte.

Von vielerlei Seiten übte man Druck auf mich aus. Ich hatte nicht geahnt, daß es so schwierig sein würde, das Leben von Ernst zu erkunden. Alle Menschen, denen ich begegnete, hatten etwas gemein : sie hatten Angst. Einige befürchteten, ihren guten Ruf, andere, ihre Arbeit zu verlieren. Andere fürchteten um ihr Leben. Einige flehten mich nach dem Gespräch an, nichts über sie zu schreiben. Andere wiederum erschienen nicht zu unserer gemeinsamen Verabredung. Viele belogen mich.

Ich hatte oft den Eindruck, zu einem Forschungsreisenden zu werden, der sich nicht von der Stelle rührt und der von einem Steuerparadies zum anderen, von einer japanischen Bank zu einer in Singapur eingetragenen Investitionsgesellschaft surft, indem er den unterirdischen Bahnen der Schmuggler des faxmoney folgt.

Eine der ersten unangenehmen Bemerkungen, die Ernst Backes mir gegenüber in der Anfangsphase unserer Gespräche gemacht hatte, bezog sich auf den Zustand der Presse in Frankreich : "Du machst auf mich den gleichen Eindruck wie viele französische Journalisten. Ihr seid Bienen, die Nektar sammeln und dabei ganz vergessen, daraus Honig zu machen." Ich verstand damals nicht so recht, was er damit meinte.

[© Traduction/Übersetzung : Dr. Wolf Albes ; version D/A]

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